MAGAZIN
zurück
  WIRTSCHAFT - ALLGEMEIN
     
    Anleger der "zweiten Welle" bringen neue Banking-Projekte
   

Künftig wollen Bankkunden eigenständig ihre Anlageentscheidungen treffen, ohne zugleich auf Beratung verzichten zu müssen. Damit eröffnen sich vielversprechende Perspektiven für den Online-Brokerage-Markt ebenso wie für IT-Dienstleister. Denn besonders jene Online-Broker werden am Markt erfolgreich sein, die ihr Angebot auch technologisch auf die Belange der Anleger ausrichten.

 

 

Signale für ein erhöhtes IT-Projektvolumen

Das Jahr 2000 war ein in jeder Hinsicht besonderes Börsenjahr. Viele Anleger stiegen in den Wertpapierhandel ein und trieben die Kurse in ungeahnte Höhen. Nicht wenige von ihnen erlebten auch erhebliche Kursverluste. Trotzdem beträgt das Wertpapiervermögen der privaten Haushalte in Deutschland derzeit rund 1,4 Billionen Euro. Die Investmentbank J.P. Morgan rechnet für die nächsten Jahre mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von etwa elf Prozent. 2010 soll das Wertpapiervermögen die Marke von 3,5 Billionen Euro erreichen.

Die Signale für ein erhöhtes IT-Projektvolumen im Banking-Business könnten kaum deutlicher ausfallen. Als wesentlicher Antrieb für den Nachfrageschub im Wertpapiergeschäft gelten die finanziellen Bedürfnisse der geburtenstarken Jahrgänge. Die befinden sich jetzt in einer Lebensphase, in der Vermögensaufbau und -ausbau zu wichtigen persönlichen Themen werden. Zudem ist ihnen bewusst, dass sie ihre Altersvorsorge selbst in die Hand nehmen müssen. Hinzu kommt: Deutschland steht in den nächsten Jahren eine regelrechte Erbschaftswelle ins Haus. Viel von diesem geerbten Vermögen wird in Wertpapiere investiert werden.

Parallel zu dem stark zunehmenden Investment in Aktien wickeln immer mehr Anleger ihre Wertpapiergeschäfte online ab. Dies sind vielversprechende Perspektiven für den Online-Brokerage-Markt und für jene Anbieter unter den Online-Brokern, die ihr Angebot technologisch auf die Belange der Anleger ausrichten.

Diese Trends und ihr raschen Wandel nehmen Banken und Finanzinstitute auch in ihrer technologischen Präsenz auf. Für 86 Prozent der deutschen Banken haben E-Business-Aktivitäten die "höchste Priorität", während das im Gesamtdurchschnitt aller Unternehmen nur für 59 Prozent gilt. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Marktforschungsunternehmens Pierre Audoin Conseil (PAC) hervor. Demnach realisierten die befragten Banken im Schnitt 5,7 E-Business-Projekte, gefolgt von Versicherungen (5,5) und Industriebetrieben (4,7). Nur rund sechs Prozent der an der Studie teilnehmenden Firmen haben bisher überhaupt kein E-Business-Projekt gestartet.

 

Beispiel Deutsche Bank

Als prominentes Beispiel ist die Deutsche Bank zu nennen. Ein kurzes Profil: Als Bilanzsumme nannte sie 940.033 Millionen Mark (1999: 839.865). Als Betriebsergebnis vor Aufwand für Restrukturierung und Steuern im Jahr 2000 gab die Bank 6.759 Millionen Mark (1999: 4.731) an. Den Jahresüberschuss bezifferte sie mit 4.949 Millionen Mark (1999: 2.453).

Wie instabil das Kundenverhalten bei E-Banking sein kann, musste die Deutsche Bank in jüngster Vergangenheit erfahren. Die Deutsche Bank 24 musste im Mai 2001 angesichts geringer Nachfrage ihr elektronisches Bezahlsystem "eCash" abschaffen. Bisher zahlten nur 1,5 Prozent der Online-Käufer mit Hilfe elektronischer Geldbörsen. Noch immer bevorzugen drei Viertel der Internet-Nutzer wegen Sicherheitsbedenken bei ihren ersten Online-Einkäufen eine Zahlung per Rechnung. eCash war ein System, bei dem die Kunden einen zuvor eingezahlten Betrag in einer virtuellen Software-Geldbörse auf dem PC zum Bezahlen kleiner Beträge nutzen konnten. eCash-Anwendern wurden bereits Anfang April mit Wirkung zum 25. Mai ihre Verträge gekündigt. Erst Anfang März musste das US-Unternehmen Cybercash Inc., das ein ähnliches Bezahlsystem angeboten hatte, ein Insolvenzverfahren einleiten.

 

Leistungs- und Produktangebot von "moneyshelf"

Mehr Erfolg verspricht das Leistungs- und Produktangebot von "moneyshelf", das Finanzportal der Deutschen Bank. Es wird im Herbst 2001 als offene Plattform für Finanzprodukte Dritter unter dem neuen Angebot "Deutsche Bank 24 moneyshop" integriert. Nachdem die Deutsche Bank 24 über "maxblue" ihren Privatkunden den Zugang zu 4.600 Investmentfonds Dritter anbietet, will sie diesen Weg mit dem neuen Angebot fortsetzen. Unter dem Dach der Deutschen Bank 24 soll das Mengengeschäft in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Portugal und Spanien zusammengefasst werden.

"Wir wollen unseren Privatkunden schrittweise den Zugang zu Finanzprodukten Dritter eröffnen - im Investmentbereich über "maxblue", jetzt auch bei Bank- und Versicherungsprodukten über "Deutsche Bank 24 moneyshop". Damit erweitern wir sukzessive die Auswahlmöglichkeiten für die Kunden und setzen unseren Weg zum modernen Finanzvertriebsunternehmen fort", so Dr. Herbert Walter, Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank 24. In diesem Rahmen hat sich Dr. Luca Marighetti ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: "Aus den heute über 280.000 Online-Depots in Deutschland sollen bis ins Jahr 2004 europaweit 1,5 Millionen werden", erklärt der Generalbevollmächtigte der Deutsche Bank 24 für Europa. Er ist für den Aufbau und die Leitung des paneuropäischen Online Investment Centers verantwortlich. Er will gewährleisten, dass "maxblue" und die Deutsche Bank 24 mit allein in Deutschland rund 1.200 Filialen eng vernetzt ist.

Mit "Deutsche Bank 24 moneyshop" eröffnet sie ihren 7,4 Millionen Privatkunden nun auch die Möglichkeit, im Bankingbereich aus einer Vielzahl von Drittprodukten zu wählen. Die Kunden können über die neue integrierte Plattform künftig ausgewählte Bank- und Versicherungsprodukte verschiedener Anbieter vergleichen und direkt online ordern, ohne dass sie eine zusätzliche Bankverbindung eingehen müssen. Gleichzeitig plant die Deutsche Bank 24, zum Herbst 2001 ihren gesamten Selbstbedienungs- und Transaktionsbereich sowie ihre neuen Supermarkt-Filialen und die Call Center-Angebote unter dem Namen "Deutsche Bank 24 moneyshop" zusammenzufassen.

Banken setzen mit neuen Angeboten auf eine wachsende Zahl von Kunden, die auch online Bankgeschäfte abwickeln und dabei jederzeit bequem zwischen den Angeboten verschiedener Finanzdienstleister vergleichen möchten. In Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich führen schon heute 15 Prozent der Privatanleger ihre Depots online. Im Jahr 2004, so die Analysten von J.P. Morgan, werden es bereits 43 Prozent sein. Europaweit wickeln dann zehn Millionen Privatanleger ihre Wertpapiergeschäfte im Internet ab, allein die Hälfte davon in Deutschland. Trotzdem brechen laut einer Analyse von Forrester Research für reine Online-Broker ohne Beratungsangebot harte Zeiten an. Von den derzeit 20 deutschen Online-Brokern würden langfristig nur zwei oder drei überleben.

 

Discount Broker bieten ein erweitertes Sortiment

Noch ist der typische Online-Broking-Kunde eher technikbegeistert und erfahren im Umgang mit Wertpapieren. Was für diese Klientel der sogenannten "ersten Welle" zählt, sind vor allem niedrige Preise und die Schnelligkeit der Online-Funktionalitäten. Anders die Anleger der sogenannten "zweiten Welle", die nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Mummert und Partner in den nächsten Jahren verstärkt ins Internet-Broking einsteigen werden. Die Discount Broker bieten ihnen ein erweitertes Sortiment mit Fondssparplänen, Vermögensverwaltung und Versicherungen an. So zielt etwa die Zusammenarbeit zwischen der DAB Bank und der Victoria Versicherung darauf ab, neben dem gegenseitigen Vertrieb der Produkte auch "Rundum-Lösungen" aus Versicherungs- und Bankdienstleistungen anzubieten. Dadurch stabilisieren sie ihre Erträge aus dem schwankenden Börsengeschäft. Weiterer Vorteil für die Discount Broker: Über die Kooperationen können sie Versicherungskunden für das Online-Brokerage gewinnen. So eignen sich etwa auslaufende Lebensversicherungen für eine Wiederanlage in Online-Brokerage-Produkten.

Durch die Ausweitung der Geschäftsfelder sowie das unsichere Börsenumfeld steigt der Bedarf der Kunden an einer maßgeschneiderten Beratung. Die Folge: Langfristig werden die Discount Broker ihre Vertriebswege ausbauen - etwa auf Video- und Telefonberatung oder den persönlichen Kontakt in einer Filiale ("clicks and some bricks"). "Kunden wollen integrierte Lösungen und die Wahlfreiheit bei der Erledigung ihrer Bankgeschäfte sowie den Zugriff auf ein unabhängiges und umfassendes Angebot an Bank- und Versicherungsprodukten", meint Hermann-Josef Lamberti, als Mitglied des Vorstandes der Deutsche Bank AG zuständig für "Personal Banking".

Eine Maxime für IT-Applikationen lautet demnach auch: Internet-Lösungen sollen diese Kunden befähigen, eigenständig ihre Anlageentscheidungen zu treffen. Gleichzeitig sollen sie nicht darauf verzichten müssen, sich bei Bedarf ausführlich und qualifiziert beraten zu lassen. Konzepte wie von "maxblue" gehen in diese Richtung. Sie entsprechen diesem veränderten Anspruchsverhalten in zweifacher Weise, zum einen durch attraktive Anlageprodukt, zum anderen durch neue, kreative Informationsangebote im Internet. Dazu gehört zum Beispiel der direkte Zugang zu den Markt-Analysen und zu Investment-Know-how von Bank-Experten, über das bislang nur Börsenprofis verfügten.